November 2023
 Geschichten

Bahn – mal so, mal so. Teil 2: Die Reisenden

Man kann ohne zu übertreiben sagen, dass die Eisenbahn im 19. Jahrhundert das bewirkt hat, was die Dichtung im 18. Jahrhundert getan hatte: sie hat den Horizont erweitert.

Emile Zola

Fahrt von Freiburg nach Frankfurt. So schön kann Reisen sein

Gast: „Ist das hier schon die First Class“?
DB Steward: „Ja, ab der Tür. Bis dahin ist Bordbistro.“
Gast: „Wieviel muss ich denn konsumieren, um dauerhaft sitzen zu bleiben?“
DB Steward: „Reichlich.“
Gast: „Ein Bier pro Stunde? Na dann komm ich ja gut in Berlin an.“
DB Steward: „Keine Sorge. Dieser Zug fährt von alleine.“

Doch es gibt auch Bahnreisende, da fällt mir nichts mehr ein. Da rege ich mich auf. Da bin ich sauer. Da fliegt mein Blutdruck in die Höhe!

Fahrt Dortmund nach Berlin. Der Zug ist pickepacke voll. Vor Jahren hatte ein betrunkener LKW-Fahrer eine Brücke, die über acht Bahngleise führt, im Autobahnkreuz Kaiserberg gerammt. Jetzt muss sie abgerissen werden. Für einige Wochen fällt der Zugverkehr fast aus. Der eingerichtete Schienenersatzverkehr (SEV) ist nahezu perfekt. Pendelverkehr alle 10 Minuten. Auch die Wegmarkierungen in den Bahnhöfen sind absolut eindeutig und klar. Super!

Zurück zur Fahrt: Zwei Damen in den 60ern stehen mit ihren Koffern hilflos in Wagen 26. Ich biete Hilfe an.

Die Damen: „Es ist alles fürchterlich. Wir hatten doch von Düsseldorf aus den ICE gebucht. Der Zug ist aber ausgefallen. Stellen Sie sich vor, wir mussten mit dem Bus bis Essen fahren, um dann in einen Zug einzusteigen. Und seitdem suchen wir im Zug unsere Plätze. Unmöglich.“
„Haben Sie denn mal das Zugpersonal angesprochen?“
„Ach, was wissen wir denn, wer zum Personal gehört.“
„Na ja, die tragen eine eigene Bahnuniform. Aber egal. Welche Plätze haben Sie denn gebucht?“
Eine Dame hält mir ihren Buchungsausdruck unter die Nase. „Was weiß ich denn, wo hier was steht. Ich fahre praktisch nie mit der Bahn, und ich werde auch nie mehr mit der Bahn fahren. Das halten meine Nerven nicht aus.“
Ich zeige den Damen auf dem Zettel und am Monitor im Wagen, dass sie im richtigen Wagen sind und die Plätze 24 und 31 reserviert haben.
„Oh Gott, dann sitzen wir gar nicht zusammen. Das ist ja fürchterlich.“
Vor mir sind zwei Statusplätze mit Tisch dazwischen frei.
„Hier setzen wir uns jetzt hin“, kommt es ziemlich resolut von einer der Beiden. Gegenüber am Viererplatz sitzt ein junger Mann. Er erklärt den Damen die Besonderheit der Plätze.
„Das ist uns doch egal. Wir bleiben hier.“
Dann bietet er ihnen an, ihre Koffer in die Ablage zu geben.
„Sie können das gerne versuchen; den einen kriegen Sie vielleicht noch hochgehievt; doch der andere ist viel zu schwer. Das hält auch die Ablage nicht aus. Und dann fällt mir der Koffer auch noch auf den Kopf und erschlägt mich. Das wollen wir nicht riskieren.“
Der junge Mann nimmt den ersten Koffer, legt ihn in die Ablage. Dann folgt der Zweite, ganz ohne besondere Anstrengung.
„Sind Sie sicher, dass da nichts passieren kann?“
„Da kann gar nichts passieren.“
Wir sehen uns an und denken beide. Geschafft. Hoffentlich tritt jetzt Ruhe ein.

Wenige Minuten später kommt eine freundliche Mitarbeiterin aus dem Bistro, bietet Kaffee und fragt nach unseren Wünschen. Schräg im Gang steht ein großer Koffer in Babyblau. Wäre die Mitarbeiterin ein Springpferd, hätte sie vielleicht elegant über den Kofferoxer springen können; doch für einen Zweibeiner mit Kaffeetablett keine Chance. Sie bittet also die Besitzerin, eine Dame etwa Ende 50, ihren Koffer zumindest gerade an ihren Platz zu stellen.
„Wenn Sie nicht so dick wären, kämen Sie ohne Weiteres an meinem Koffer vorbei“, tönt es lauthals aus der Kehle der Frau, die definitiv keine Dame sein kann. Sämtliche Reisende drum herum erstarren.
Bevor wir noch den Mund öffnen können, antwortet die Mitarbeiterin ganz ungerührt und übergeht die Beleidigung.
„Die Gänge müssen für Notfälle freigehalten werden. Ihr Koffer darf also überhaupt nicht im Gang stehen. Räumen Sie ihn also bitte in die Gepäckablage über Ihnen oder ins Gepäckregal dort hinten.“
„Das Gepäckregal ist viel zu weit entfernt. Ich lasse doch meinen Koffer nicht aus den Augen. Und in die Gepäckablage passt er nicht. Außerdem ist er dafür viel zu schwer. Der Koffer bleibt hier.“
„Sie hätten doch einen Platz in der Nähe des Gepäckregals reservieren oder   gleich den Koffertransport von Tür zu Tür buchen können. Das wäre doch viel bequemer.“
„Klar doch, dann hätte ich das auch noch zusätzlich bezahlen müssen. Ihr zieht einem doch so schon das hart verdiente Geld aus der Tasche. Und was kriege ich dafür. Nur Schlechtleistung.“ Die Kundin grummelt noch weiter vor sich hin, zieht widerwillig ihren Koffer an die Seite und versenkt sich in ihren PC.

Wow, was für eine Beleidigung. Und was für eine souveräne Reaktion der Mitarbeiterin. Professionell kundenorientiert bis in die Haarspitzen.

Kaum ist die Bistro-Mitarbeiterin mit ihren Kaffeetassen wieder unterwegs, spricht die Sitznachbarin mit zornbebender Stimme auf ihre Begleiterin ein. Offensichtlich erklärt sie ihr die Unmöglichkeit ihres Verhaltens und fordert sie auf, sich bei der Mitarbeiterin zu entschuldigen. Und tatsächlich, einige Minuten später entschuldigt sie sich, nicht gerade empathisch, aber immerhin.

Die Eisenbahn macht alle Menschen gleich.

Fjodor Dostojewski

Rote Augenfahrt von Berlin nach Hannover. Telefonkonferenz von drei Herren. Zugfahren kann so unterhaltsam sein. Zumindest der hinter mir sitzende Initiator des Gesprächs ist Staatsanwalt. Die Diskussion der Drei dreht sich um das Zusammenleben bzw. Nicht Zusammenleben einer Kollegin (?) mit einem geschiedenen Mann, der allerdings immer noch von seiner Ex in Anspruch genommen wird. Soll mit der Frau und / oder dem Mann gesprochen werden? Wer soll das Gespräch führen? Was ist das Ziel?
„Ich bin dafür, dass die Zwei zusammenziehen; dann herrscht endlich Klarheit.“…“Die (Kollegin) muss raus aus der Mitleidsfalle. Holger, hast Du nicht einen Job für die? Als PR-Frau ist die richtig gut. Sie kommt wohl aus Mülheim. Da ist Düsseldorf doch wunderbar.“ … „Ach so, nein das geht nicht. Ich bin nicht dafür, dass sie zum Psychologen geht. Obwohl, vielleicht hilft das ja doch. ….“ Usw., usw.
Zwanzig Minuten lang Lebens- und Partnerberatung für die, die nicht dabei waren, aber nun interessiert lauschen.

Fahrt von Frankfurt nach Berlin. Ich erlebe ein ganz besonderes viereinhalbstündiges Wortfeuerwerk. Ich hatte einen Workshop moderiert und flitze zum Bahnhof. Kaum ein Durchkommen auf dem Bahnsteig. Der vorherige Zug ist ausgefallen, entsprechend groß der Andrang auf den nächsten Zug. Vor jeder Tür ein Pulk mit Bergen von Koffern, Taschen und Kindermeuten. Ich erklimme den Wagen mit den nicht reservierbaren Statusplätzen. Ein Vorteil der BC 100, die mir hier praktisch immer einen Platz sichert. Menschenmassen auf der Suche nach ihrem Wagen oder nach ihrem Platz lassen mich kaum in den Wagen kommen. Mein suchender Blick trifft auf einen Herrn. Er winkt mir zu, nimmt seine Tasche vom Fensterplatz. Geschafft.

Hinter mir eine junge Frau, vermutlich in den Dreißigern. Neben ihr ein Mann, der lauthals auf sie einspricht und offenbar gleich alle Mitreisenden in seinem Umfeld mitunterhalten will. Es geht um Literatur und Filme. Er scheint alles und jeden zu kennen.
„Schlöndorff ist ein wunderbarer Filmemacher. Wir sind uns völlig einig über die Ablehnung der extremen Linken und Rechten.“
„Ja, dazu …“. Weiter kommt seine Begleiterin nicht; denn er hat schon wieder ein neues Feld entdeckt.
„In welche Restaurants gehen Sie eigentlich in Berlin?“
„Ich war zuletzt beim Japaner X.“
„Haben Sie da etwa Fisch gegessen?“
Offensichtlich nickt sie.
„Das ist lebensgefährlich. Ich war einmal dort und hatte sofort eine Fischvergiftung. Das sind keine Japaner. Die haben keine Ahnung von guter Küche. Da dürfen Sie nie wieder hingehen. Wo finden Sie überhaupt gute Küche in Deutschland? Die meisten Köche kennen keine Koch- und keine Esskultur. Die mischen irgendetwas zusammen, ohne Sinn und Verstand. Von der Ästhetik eines guten Essens will ich gar nicht erst anfangen. …“

Seine Tirade wird ganz plötzlich durch meinen Sitznachbarn unterbrochen. „Entschuldigung, aber Sie sind nicht alleine im Zug. Sprechen Sie doch bitte leiser.“
Fehler! Fehler! Fehler!
„Was fällt Ihnen ein!“ blökt er. „Ich spreche, wie ich will. Ich lasse mich nicht zensieren.“
Mein Nachbar zieht den Kopf ein. Auch wir anderen Reisenden verlangen Rücksicht. Er meckert noch eine Minute herum, verkriecht sich dann hinter seiner Zeitung.

Die Züge sind großartige Orte zum Denken.

P. D. James

Leider nicht für unseren Star. Unsere Hoffnung auf Ruhe hält nur wenige Minuten. Schon hat er ein neues Thema für seine Mitreisende.
„Sie kennen doch einflussreiche Leute aus der Filmwelt. Da würde ich gerne einmal mitspielen. In einem Krimi, z. B. im Tatort. Ich kann alles, den liebestollen Jüngling, den Mörder, den Detektiv. Was immer benötigt wird. Nur her zu mir.“
Die Begleiterin spricht (leider) mit kaum verständlicher leiser Stimme und schafft offensichtlich einen Satz.
Dann legt er wieder los, springt von einem Thema zum nächsten, schwätzt über Politik, die Gefahr von Links, springt zur Musik, zu Bach und Schubert, zu seinen eigenen Klavierspiel- und Gesangskünsten, zu seinen beiden Wohnungen in Berlin, dass sie ihn dort unbedingt besuchen und seine Frau kennenlernen muss.
Dann geht es zu seinem Auftritt in Heidelberg am Vortag, gemeinsam mit einer Pianistin. Begeisterung. Viel Applaus. „Nur für die Pianistin. Ich trete dann zurück. Applaus für mich lehne ich ab. Das lasse ich über die Veranstalter auch immer bekannt geben.“
Seine Begleiterin hört zu, stellt blöderweise sogar noch Fragen, anstatt sich in ihr Buch zu verkriechen und dem Lärm ein Ende zu setzen.   

Irgendwann steht er auf und verlässt unseren Wagen. Ein Bahnmitarbeiter geht durch den Wagen und sammelt Abfälle ein.
Der „Allwissende“, so habe ich ihn inzwischen getauft, kehrt zurück. „Wo sind meine Zeitungen?“
„Die hat einer vom Reinigungsdienst mitgenommen“, so die fast ein wenig schadenfrohe Antwort seiner Begleiterin.
„Wie kommt der dazu? Ich hatte zwei Ausgaben der ZEIT hier. Dafür habe ich 12,40 EUR bezahlt. Der kann doch nicht einfach meine Zeitungen mitnehmen. …“
„Die Zeitungen lagen auf dem Boden. Da hat er wohl gedacht, dass er sie in seinen Müllsack stecken kann. Vielleicht ist er ja noch vorne Richtung Bistro, und Sie können die Zeitungen zurückbekommen.“
Laut schimpfend rauscht der „Allwissende“ ab.

Wenige Minuten später:  Er erscheint, gefolgt vom offensichtlich wütenden Zugchef.
„Mir reicht das jetzt. Sie haben kein Recht unsere Mitarbeitenden anzubrüllen und zu beleidigen. Das haben Sie eben schon mit dem Kollegen vom Bistro gemacht und jetzt mit unserem Kollegen, der für Sauberkeit im Zug sorgt. Wenn Sie sich nicht sofort beruhigen und sich benehmen, lasse ich Sie beim nächsten Halt aus dem Zug entfernen.“
Ganz gewaltiger Fehler!
„Haben Sie das gehört?“ brüllt er. „Das sind Nazimethoden. Warum greifen Sie alle hier nicht ein? Warum unterstützen Sie mich nicht. Ich bin Ausländer. Da muss man wohl nicht helfen. Alles Nazis hier. Alle starr vor Angst. …“
Der Zugchef geht. Wir bleiben.
Macht es Sinn, sich mit diesem Kerl zu streiten? Wie hält seine Begleiterin diesen Mann aus? Wie findet sie es, dass er sie ja auch als Nazi bezeichnet?

Wenig später: Mein Nachbar dreht sich um und bietet dem „Allwissenden“ seine FAZ an.
Ich fasse es nicht.
Der „Allwissende“ nimmt sie grummelnd. Nach wenigen Sekunden: „Wo ist das Feuilleton?“
„Das habe ich schon durchgeblättert und in Frankfurt gelassen.“
„Das ist doch der wichtigste Teil der Zeitung. Den können Sie doch nicht nur durchblättern und dann entsorgen…“
„Ich konnte ja nicht wissen, dass ich die Zeitung jetzt noch weitergebe.“
„Darum geht es doch gar nicht. Sie haben offensichtlich keinen Sinn für Kultur, sind nur auf Politik und Börsenkurse trainiert.“
Mein Nachbar schweigt.  

Anschließend redet der „Allwissende“ wieder ohne Punkt und Komma auf seine Begleiterin ein, diesmal ausführlich über die mehr als zwanzig Bücher, die er inzwischen geschrieben hat und über sein anstehendes neues Werk.
Als ich in Berlin aussteige, weiß ich, dass ich das seltene Vergnügen hatte, einige Stunden einen der bekanntesten in Deutschland lebenden Philosophen Live und in Farbe erlebt zu haben. Wie sagt er noch im ZEIT-Interview 2014:

Schweigen ist sehr beredt. Schweigen hat eine Sprache. Stille ist auch beredt. Stille kann auch Sprache sein. Aber der Lärm und die Stummheit sind ohne Sprache. Es gibt nur sprachlose, lärmende Kommunikation, das ist ein Problem.

Byung-Chul Han im Interview mit der ZEIT, 07.09.2014

Aber seitdem ist ja auch viel Wasser durch den Rhein geflossen. Und auch die Pandemie hat ja vielleicht an der einen und anderen Stelle Einfluss nicht nur auf den Körper mancher Menschen ausgeübt …

Notarzteinsatz im Gleis auf der Strecke München – Berlin. Ein Mensch ist mit einem Zug kollidiert. Nicht jeder Zusammenprall ist ein Suizid. Und nicht jeder Zusammenprall endet tödlich. Keine Frage, wir bleiben auf freier Strecke stehen. Vermutlich bis zu zwei Stunden. Einige Reihen vor mir ruft ein Kerl nachdem er die Durchsage verdaut hat: „Fahrt doch weiter, ihr Idioten. Die Schlampe ist doch eh hin.“ An einigen Stellen zustimmendes Nicken. Mich graust’s.

Hauptbahnhof Hamburg. Ich will in den ICE nach Berlin. Wenig Platz zwischen Zug und Bahnsteig. Die einen wollen raus aus dem Zug, die anderen rein. Kein Problem, wenn die einen etwas zurückgehen und den anderen Platz zum Ausstieg geben. Aber nein, keine Chance. Ein einziges Chaos aus Schubsen, Rempeln, Schimpfen. Jeder will noch vor den anderen im Zug sein. Wozu gibt es Platzreservierungen? Alles könnte doch ganz entspannt vonstattengehen. Doch alles dauert länger. Stress, Verzögerung und Verspätung sind vorprogrammiert. Genauso die Antwort auf die Frage nach dem Schuldigen.

Die Eisenbahn besteht zu 95 Prozent aus Menschen und zu 5 Prozent aus Eisen.

Adam Smith

Hauptbahnhof Bielefeld. Ich warte auf meinen ICE. Am Nachbargleis der Regionalzug nach Münster. Ein junges Paar steht eng umschlungen in der Zugtür. „Geben Sie bitte die Tür frei, damit wir abfahren können.“
Keine Chance.
Kurz drauf: „Geben Sie sofort die Tür frei.“
Und dann: „Verdammt noch mal, Knutschen Sie im Zug oder auf dem Bahnsteig; aber nicht halb drinnen und halb draußen.“
Das Paar steigt ein. Was bedeutet schon Pünktlichkeit im Angesicht des Hormonrausches.

Personen im Gleis bei der Ausfahrt aus Köln. Der Zug wird gestoppt, die Polizei gerufen. Es dauert einige Minuten bis die Einsatzkräfte vor Ort sind und die Strecke kontrollieren.
„So ein Schwachsinn. Die können doch zumindest mit reduzierter Geschwindigkeit fahren und die Leute aus dem Gleis scheuchen.“
„Und wenn das spielende Kinder sind?“ frage ich das Paar neben mir.
„Da gilt das Gleiche. Rausscheuchen. Der Zugführer kann doch hupen.“
„Würden Sie das bei Ihren Kindern genauso wollen?“
„Wir haben keine. Wir müssen immer dran glauben. Wir sind immer die Gelackmeierten. Wir sind selbstständig. Wenn wir zu spät zu unseren Terminen kommen, hat niemand Verständnis für den Verspätungsgrund.“
Auch ich habe kein Verständnis für kleine und große Menschen, die im Gleis Abenteuerurlaub der besonderen Art spielen. Aber müssen wir deshalb zu Rambo-Methoden greifen?

Zwischen Bremerhaven und Bremen. Plötzlicher Zugstopp. Etliche Minuten passiert nix. Wir sitzen und warten auf die Durchsage.
Total genervter Zugchef: „Liebe Fahrgäste. Ein Autofahrer hat in seiner unglaublichen Weisheit versucht, durch die geschlossene Schranke noch vor dem Zug die Fahrbahn zu überqueren. Das hat nicht funktioniert. Wir müssen warten.“
Wartezeit ca. 30 Minuten. Also offensichtlich kein Personenschaden. Immerhin. Wir fahren am Unglücksort vorbei. Die Halbschranken völlig zerfetzt. Der Wagen bereits abtransportiert.

Ich erinnere mich an einen ähnlichen Fall in Weiterstadt. Ich trabe Richtung Felder. Bahnübergang mit zwei Halbschranken. Blink- und Tonsignale in vollem Einsatz weisen frühzeitig auf den herannahenden Zug hin. Dann neigen sich die Halbschranken. Ein PKW-Fahrer rauscht heran. Beschleunigt. Will noch unter den Schranken durch. Pech gehabt. Die eine Schranke zerschrammt sein Dach von vorne bis hinten. Mit Ach und Krach schafft er es noch auf die andere Seite. Er klettert aus dem Wagen, besieht sich den Schaden und springt wie ein übellauniges Rumpelstilzchen um sein Auto: „So eine verdammte Scheiße! So eine verdammte Scheiße!“ Ihm ist offensichtlich nichts passiert; doch der Schaden an seinem Wagen ist erfreulicherweise ziemlich heftig.

Der Regionalzug von Osnabrück nach Düsseldorf. Erste Klasse im Oberdeck. Wenig Betrieb. In Dülmen steigt ein junges Paar ein und setzt sich wenige Reihen vor mich. Sie kuschelt sich an ihn. Unterhaltung auf Englisch. Kurz darauf Fahrkartenkontrolle. Er hat eine Fahrkarte erster Klasse. Sie nicht.
„Sie können ein Upgrade in die Erste Klasse buchen, oder Sie gehen runter in die Zweite Klasse. Da sind noch viele Plätze frei.“
„Was kostet denn ein Upgrade?“
„Wo sind Sie denn eingestiegen?“
Das Paar schaut ein wenig irritiert und unsicher.
„In Osnabrück?“
„Ja“
„Und wohin wollen Sie?“
„Bis Düsseldorf.“
Der Zugbegleiter rechnet. „Der Zuschlag beträgt 46,70 Euro.“
Der junge Mann sieht seine Begleiterin an. „Das ist teuer. Lass uns nach unten gehen.“
Sie schüttelt nur den Kopf.
Er zuckt die Schultern, zückt einen 50er und zahlt den Zuschlag. Anschließend kuscheln und tuscheln die Zwei wieder. Zwei Bahnbedienstete lassen sich gegenüber nieder. Hätten die sich nicht ein wenig diskreter verhalten können? Aber gut.

Kurz vor Essen: Er geht nach unten. Sie steht auf. Nimmt den großen Rucksack, ihre Tasche und geht auch nach unten. Der Zug hält. Der junge Mann kommt wieder hoch. Sieht sich um. Fragt, wo denn seine Begleiterin sei. Die Bahnbediensteten zucken die Schultern.
Ihm schwant Böses. Er rennt zur Tür. Die schließt sich gerade. Der Zug fährt an.
Sie steht auf dem Bahnsteig, zeigt ihm den Stinkefinger und verschwindet.
Er brüllt die Bahnbediensteten an: „Stoppen Sie sofort den Zug! Die ist mit allen meinen Sachen abgehauen. Geld, Papiere, Computer – einfach alles.“
Die Bahnbediensteten leiten umgehend alles Notwendige in die Wege und informieren die zuständigen Stellen in Essen.
„Woher kennen Sie denn die Frau?“
„Wir haben uns gestern Abend in Osnabrück in der Disko kennengelernt. Heute wollten wir nach Düsseldorf und dort Freunde von ihr besuchen.“
„Wissen Sie denn, wie Ihre Begleiterin heißt?“
„Ich kenne nur ihren Vornamen, Henrieke aus Holland. Mehr weiß ich nicht. Aber das ist bestimmt alles Erstunken und Erlogen. Die hat mich reingelegt, die …“
Die Bahnmitarbeitenden erklären dem jungen Mann ganz ruhig seine nächsten notwendigen Schritte von der unmittelbaren Kartensperrung bis zur Anzeige bei der Polizei.
Ich befürchte, er hat dieses üble Spiel verloren.

Toren bereisen in fremden Ländern die Museen, Weise fahren Zug

frei nach Erich Kästner

Hinweis:

Im vorherigen Blog: Bahn – mal so, mal so – Teil 1: Das Unternehmen