August 2026
 Geschichten

An Tagen wie diesen – Teil 2

Fahrt mit dem ICE 545 am 02.07. aus Köln nach Berlin, 08:25 ab – 13:10 an.

Nach dem Chaos gen Hamburg freue ich mich heute auf eine entspannte Fahrt aus dem Ruhrgebiet nach Berlin. Immerhin verspricht meine DB-App nur eine „geringe Auslastung“ in der ersten Klasse und eine „mittlere“ in der zweiten.

Doch bereits beim Start in Köln beginnt das Drama:

Weine nicht, wenn der Zug ausfällt.
Dam dam, dam dam
Es gibt einen der zu dir hält.
Dam dam, dam dam
Marmor, Stein und Eisen bricht,
aber unsere Kunden nicht.
Alles, alles geht vorbei,
Doch sie sind uns treu!

Drafi Deutscher sei Dank!

Kein Wunder, dass der Zug bereits beim Start proppenvoll ist. Die DB-App zeigt nach wie vor für mich „geringe Auslastung erwartet“ an. Dabei soll die doch in Echtzeit die Situation wiedergeben. Das Spiel heißt wohl „Lügen, ohne rot zu werden.“

Gute, umfassende Information sind die Grundlage für jede Bahnfahrt – ob am Bahnhof, in den Zügen oder in den digitalen Auskunftskanälen. Mit dem Sofortprogramm „Bessere Kundenkommunikation“ sorgt die Deutsche Bahn (DB) schnell und gezielt für spürbare Verbesserungen. Das Ziel: überall und zu jeder Zeit verlässliche, konsistente und leicht verständliche Informationen zur Reise. Dafür investiert die DB bis Ende 2027 50 Millionen Euro zusätzlich.

Deutsche Bahn: Sofortprogramm für bessere Kundenkommunikation

Als ich zwei Stationen später zusteige sind auch schon die nicht reservierbaren Statusplätze für uns Vielfahrer belegt. Glücklicherweise habe ich diesmal eine Reservierung, ursprünglich in Wagen 36, nunmehr umgebucht in Wagen 26. Ein Doppelsitzer. Beide Plätze belegt. Am Fenster sitzt ein ca. 35jähriger Mann, schlank, breite Schultern, Sonnenbankbräune bis in den Ausschnitt seines oben aufgeknöpften weißen Hemdes. Eine mehreckige randlose Brille thront auf seiner wohlgeformten Nase. Lediglich das bereits schüttere Haar stört den ersten Eindruck eines Mannes aus der Modewelt. Ich bitte ihn, den Platz für mich freizugeben.

In Sekundenschnelle glüht sein Gesicht feuerrot. Wie das berühmte HB-Männchen springt er auf, schlägt sich den Kopf am Gepäckfach und brüllt – ob vor Schmerz oder Wut gegen mein Ansinnen -, dass sich die Schienen verbiegen:

Dreckszug, Drecksbahn, Drecksschaffner, Arschlöcher …

Hey, beruhigen Sie sich. Die Zugbegleiter sind doch nicht verantwortlich für Zugausfälle und kaputte Züge.

Das ist mir doch scheißegal. Man sollte den ganzen Drecksladen mit Mann und Maus in die Luft jagen.

Wenden Sie sich dazu doch einfach an den für Fernverkehr zuständigen Vorstandsvorsitzenden Dr. Peterson. Und bei Sprengungswünschen empfehle ich z. B. die Deutsche Sprengunion, die seit vielen Jahren exzellente Erfahrungen auch mit komplizierten Sprengungen hat.

Einen Scheißdreck werde ich tun. Ich habe eine Bahncard 100. Wissen sie überhaupt, was die kostet? 8.000 Euro! Und dafür krieg ich dann 365 Tage im Jahr nur Mist geboten.

Das ist beeindruckend, hilft Ihnen hier jetzt aber auch nicht weiter, sofern Sie für den Platz, auf dem Sie sitzen, keine Reservierung haben.

Mit dieser Bahncard benötige ich keine Reservierung. Ich kann mich damit überall hinsetzen.

Da haben Sie Recht solange niemand mit einer Reservierung für den Platz kommt. Und jetzt räumen Sie bitte den Platz.

Lass das Auto stehn wir fahrn
Klimafreundlich mit der Bahn.
Doch ach du Scheiße was ist das,
Wenn die Züge nicht fahr’n
Bist Du bei der Deutschen Bahn
Das einzig pünktliche war
Die Preiserhöhung dieses Jahr

Song für die Deutsche Bahn: Wir wär’n so gerne CO2-neutral

Bevor der Herr noch weiter toben kann, bietet ihm die Dame auf dem Gangplatz ihren Sitz an. „Ich steige eh gleich aus. Die wenigen Minuten kann ich gerne stehen. Und Sie haben keinen Grund, sich weiter so ungehobelt zu benehmen.“

Der Herr plumpst wieder in seinen Sitz und sieht mich auffordernd an. So einfach lasse ich ihn jetzt aber nicht mehr vom Haken. Ich bestehe auf meinem Fensterplatz.

Wutschnaubend und mit allerlei Verwünschungen gegen mich, die Bahn und die Welt wechselt er auf den Gangplatz.

Mann, warum konntest Du nicht einfach die Klappe halten, denke ich. Dagegen hätte der arme Kerl im Song von Aerosmith einfach seinem Herzen einen Stoß geben und die Dame ansprechen sollen.

Well, on a train, I met a dame
She rather handsome, we kinda look the same
She was pretty, from New York City
I’m walkin‘ down that old fair lane
I’m in heat, I’m in love
But I just couldn’t tell her so

I said train kept a-rollin‘ all night long

Aerosmith: Train kept a rollin’

Ab Dortmund ist der Zug völlig überfüllt. Gegen jede Regel sind die Gänge mit Menschen und Gepäck verstopft. Kein Durchkommen mehr. Durchsagen, dass Gänge und Türen frei zu halten sind, lösen gerade noch Gelächter aus.
Fahrkartenkontrolle unmöglich.

Service am Platz? Mein Nachbar gibt Online seine Bestellung im Bistro auf. Vermutlich hält er die Servicemitarbeitenden aus dem Bistro für Batman und Catwoman, die Porridge und Tee balancierend über die Köpfe der Hindernisse in den Gängen in Nullkommanichts zu ihm düsen. Die Ansage des Zugchefs, dass angesichts der Überfüllung des Zuges, der Service am Platz in der ersten Klasse eingestellt werden musste, führt nur noch zu einem lauten Aufstöhnen meines Nachbarn. Ich hole derweil Joghurt, Obst und Wasser aus meiner Tasche und lasse es mir schmecken.

Unsere Kund:innen erwarten zu Recht eine Deutsche Bahn, auf die sie sich verlassen können — jeden Tag, auf jeder Strecke.
Unser Ziel ist, dass Fahrgäste den Unterschied spüren und Mitarbeitende wieder stolz sagen können: Diese Bahn bewegt Deutschland.
Bessere Pünktlichkeit entsteht vor allem durch eine zuverlässige Schiene. … Die Beseitigung des jahrzehntelangen Investitionsrückstaus ist ein Projekt der nächsten zehn Jahre. … Aber wir wollen das nicht abwarten. … Die Idee dahinter: Die Menschen sollen jetzt sofort spüren, dass sich bei der Bahn was zum Besseren ändert– nicht erst am Ende der Bauarbeiten.

Evelyn Palla: Geschäftsbericht Deutsche Bahn 2025

Ich drücke der Bahn alle Daumen!

Bis zum Halt in Bielefeld haben wir eine ordentliche Portion Verspätung gesammelt. Wenige Minuten vor unserer Ankunft dann diese Durchsage: „Achtung: Reisende mit Ziel Leipzig. Der Anschluss in Hannover wird nicht erreicht. Steigen Sie bitte in Bielefeld aus und nehmen den ICE 2441 um 11:20 vom selben Gleis. Ich wiederhole …“

Ich summe leise vor mich hin „Take the A-Train“

You must take the A train
To go to Sugar Hill way up in Harlem

If you miss the A train
You’ll find you missed the quickest way to Harlem

Duke Ellington: Take the A-Train

Innerhalb weniger Sekunden entsteht ein heilloses Tohuwabohu. Die einen erheben sich aus ihren Sitzen, wollen Gepäck aus den Gepäckfächern nehmen. Gleichzeitig beginnt der Kampf um die freiwerdenden Plätze. Doch wie sollen sie frei werden, wenn bereits jeder Zentimeter vor dem Sitz von Menschen blockiert wird, die sich dort niederlassen wollen. Eine junge Frau zieht ihren Rock hoch, klettert auf ihren Sitz und springt in die Menge. Ich weiß nicht, wer in Bielefeld aus dem Zug gekommen ist. Ein solches Chaos habe ich schon etliche Monate nicht mehr erlebt.

It was a train that took me away from here

But a train can’t bring me home

Tom Waits: Train Song

Plötzlich schiebt sich ein staatlicher Kerl im Bundeswehranzug durch die Reihen. Er bleibt eine Reihe vor mir stehen, tippt einem jungen Mann auf die Schulter. „Kollege, Du kannst doch bestimmt noch auf Deinen Füßen stehen. Mach doch bitte mal Platz für diese ältere Dame, die schon lange hier steht und nicht mehr kann.“

Der junge Mann blickt hoch, zuckt die Schultern und schüttelt den Kopf. Das weckt die Lebensgeister meines Nebenmannes. Endlich hat er wieder einen Grund, sich aufzuregen. Sein Zorn richtet sich gegen den Bundeswehrmann. „Unverschämtheit. Der junge Mann hat seinen Platz reserviert. Wenn die Alte keine Reservierung hat, muss sie eben stehen oder sich einen anderen Zug aussuchen. Immer diese Mitleidstour. Omi kann nicht mehr. Mach Platz. Hey Junge, bleib bloß sitzen.“

Der Bundeswehrmann dreht sich leicht um, schüttelt den Kopf. Dann ein trockenes: „Schnauze. Noch ein Wort, und ich lasse Dich aus dem Zug schmeißen.“ Und schon zieht mein Nebenmann den Schwanz ein.

Dann schafft der Bundeswehrmann ein wenig Platz im Gang. Der junge Mann erhebt sich nun doch, und die ältere Dame fällt mit einem erleichterten Seufzer in den Sitz ihres „Friedenszuges“.

I’ve been crying lately
Thinking about the world as it is
Why must we go on hating?
Why can’t we live in bliss?

For out on the edge of darkness
There rides the peace train
Peace train take this country
Come take me home again

Yusuf / Cat Stevens: Peace Train

Schließlich erreichen wir mit rd. 70 Minuten Verspätung Berlin.

Laut Zugfinder beträgt die Pünktlichkeit auf der Strecke Köln – Berlin Südkreuz in den letzten 30 Tagen bis zum 12.07. sagenhafte 16 % mit einer durchschnittlichen Verspätung von 38 Minuten.

Und jetzt kommt noch eine dicke Schicht Kosmetik:

Ausgefallene Züge werden in der Verspätungsstatistik nicht mitgezählt. Ist ja auch logisch, ein ausgefallener Zug kann nicht zu spät kommen.

Zur Illustration: Strecke Köln – Berlin am 02.07.

UhrzeitFährtFällt aus
06:08X 
06:28 X
07:06X 
08:08X 
08:34 X
09:06X 
10:08X 
10:34 X
11:06X 
12:08X 
12:20 X
13:06X 
14:08X 
14.30 X
15:06X 
16:08X 
16:20 X
17:06X 

Von 18 geplanten Fahrten fallen an diesem Tag 33 % aus und belasten damit die Verspätungsstatistik nicht.

Oh wegen der Umwelt fahr ich mit der Bahn
Denn alle sagen, mit der Bahn soll man fahrn
Doch schon auf dem Bahnsteig hört man sie flehn
Wir wollen fahrn fahrn fahrn fahrn fahrn fahrn fahrn und nicht stehn.

Mike Krüger: Für 49 Euro per Bahn

Nach einer Auswertung von Railwise im Auftrag des Handelsblatts liegt die tatsächliche Pünktlichkeit mind. 2 Prozentpunkte unter der offiziell bekannt gegebenen.

Auch regionale Unterschiede spielen eine erhebliche Rolle. „Im Flächenland Bayern fiel die Pünktlichkeit mit fast 66 % am höchsten aus. …Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen dagegen, wo etwa ein Viertel aller Bahnkunden ihren Wohnsitz haben, kam der DB-Fernverkehr auf eine Pünktlichkeitsquote von 50,2 Prozent. Sieben der zehn verspätungsintensivsten Bahnhöfe befinden sich in NRW. (HB, 13.05.2026)

Laut Railwise ist übrigens der Donnerstag der anfälligste Wochentag für Verspätungen und Zugausfälle. Wer eben kann, sollte den Donnerstag als Reisetag mit der DB meiden. Das muss ich mir merken!!! Sonst heißt es womöglich schon wieder in Anlehnung an Christian Anders: Es fährt kein Zug nach Irgendwo.

Zum Abschluss dieses mal wieder ganz besonderen Tages höre ich T-Bone Walker und erinnere mich an eine andere denkwürdige Fahrt (s Blog v. Nov. 2023: Bahn – mal so, mal so. Teil 2: die Reisenden)

Train rolled into the station,
But my baby couldnt be found.
Somebody told me she got off,
In another town.

I sent her all my money,
To come home to me.
Now she’s gone and left me.
And I’m as lonesome as I can be.

T-Bone Walker: Railroad Station Blues