An Tagen wie diesen – Teil 1
An Tagen wie diesen
Die Toten Hosen: Tage wie diese
Wünscht man sich Unendlichkeit
An Tagen wie diesen
Haben wir noch ewig Zeit
Wünsch ich mir Unendlichkeit
Das hier ist ewig, ewig für heute
Wir steh’n nicht still für eine ganze Nacht
…
Kein Ende ist in Sicht
Kein Ende in Sicht
Kein Ende in Sicht
Kein Ende in Sicht
Dienstag 30.06. Mal wieder unterwegs von Berlin nach Hamburg-Altona zum Verlagstreffen. 12:00 passt ausgezeichnet. ICE 604 mit planmäßiger Ankunft 11:40. Gebucht.
Nun ja, wenige Tage vor der Abfahrt meldet sich meine DB-App: „Bitte rechnen Sie mit Verzögerungen von etwa 10 Minuten zwischen Berlin und Hamburg.“
Überraschung? Nicht wirklich. Planänderung.
Ich entscheide mich für RJ 870, 08:34 ab – 10:46 an.
„Geringe Auslastung erwartet.
Bauarbeiten. Bitte rechnen Sie mit Verzögerungen von etwa 15 Minuten zwischen Hamburg und Berlin.“
Welchen Nutzen die Info zu den Bauarbeiten zwischen Hamburg und Berlin für mich, der ich von Berlin nach Hamburg will, haben soll, muss ich nicht verstehen. RJ steht übrigens für Railjet, den Hochgeschwindigkeits-Fernreisezug der Österreichischen Bahn, der Österreich und mehrere europäische Länder verbindet.
Am Abfahrtstag bombardiert mich meine DB-App frühmorgens fast im Minutentakt mit Reservierungsänderungen für den Railjet:
04:46 – 05:04 – 05:06 – 05:10 – 07:05. Dann die finale Fahrtinfo in der App: „08:44 – 11:09. Verspätete Bereitstellung des Zuges. Ihr Zug wurde ausgetauscht und Ihre reservierten Sitzplätze übertragen. Weitere Informationen dazu finden Sie auf bahn.de.“
Na, das kann ja lustig werden.
Bei uns läuft leider oft das meiste anders, als man denkt
Wir haben die Waggons heute falschrum angehängt
Die Wagenreihung ist genau das Gegenteil vom Plan
Sänk ju for träweling wis Deutsche Bahn
(Wise Guys: Deutsche Bahn)
Ich stehe auf dem Bahnsteig und harre der Dinge, die da kommen werden.
Einige Durchsagen:
08:25: Der ICE 806 aus Erfurt endet hier. Bitte nicht einsteigen.
08:30: RJ 870 ca. 20 Minuten Verspätung. Grund: verspätete Bereitstellung des Zuges.
08:32: RJ 870 ca. 20 Minuten Verspätung. Grund: technische Störung am Zug.
Parallel dazu die Anzeigen auf dem Monitor am Gleis:
Zug ICE 806 bitte nicht einsteigen
Zug RJ 870, 08:34 – 09:02
Meine DB-App hält derweil am pünktlichen Start um 08:34 fest. Nix da verspätete Abfahrt um 09:02.
Ca. 08:30: Auf Gleis 6 fährt ICE 806 aus Erfurt ein.
Durchsage und Zugzielanzeiger auf dem Bahnsteig: „Dieser Zug endet hier. Bitte nicht einsteigen.“
Die ersten Reisenden machen sich dennoch auf den Weg zum Zug und wollen einsteigen. Vor mir steht ein Mann mit einem großen Koffer. Er setzt den Fuß auf die Einstiegstreppe, wird aber unmittelbar von einem DB-Mitarbeitenden ganz freundlich gestoppt.
„Bitte nicht einsteigen. Der Zug endet hier.“
Darauf der Mann: „Aber das ist doch mein Zug nach Hamburg.“
„Welchen Zug haben Sie denn gebucht?“
„Den RJ sowieso um 08:34.“
„Schauen Sie auf die Anzeigetafel. Der kommt mit etwa 20 Minuten Verspätung. Warten Sie noch ein paar Minuten. Dieser Zug hier kann nicht weiterfahren.“
Der Mann dreht um und stellt sich neben mich auf den Bahnsteig. Er sieht mich fragend an. Ich zucke mit den Schultern. Wenige Sekunden später erscheint auf dem Zuglaufschild am „defekten“ Zug das Ziel Hamburg. Die ersten Wartenden steigen ein. Ich schlage vor, es den anderen Reisenden gleichzutun und einzusteigen. Es ist 08:40. Auch ich entere den Zug.
Ein Zugbegleiter informiert uns, dass der Zug noch ca. 20 Minuten im Gleis stehen bleibt und wir gegen 09:02 unsere Fahrt nach Hamburg-Altona starten werden. „Sie können sich also auch noch ein paar Minuten auf dem Bahnsteig die Füße vertreten. Bleiben Sie aber bitte in Zugnähe.“
Ich hieve lieber meinen Koffer in die Ablage und setze mich.
08:43: Die Zugtüren schließen. Der Zug fährt ohne weitere Durchsage los. Von wegen noch ca. 20 Min warten. Wessen Gepäck jetzt wohl solo fährt?
Die Tür schnappt zu
Linie 1: Warten
Der Zug fährt ab
Zurückbleiben
Mal wieder zu knapp
Es war immer so
Zurückbleiben
Und warten
Wenige Minuten nach fast pünktlichem Start informiert uns der Zugchef:
„Herzlich willkommen im ICE XYZ nach Hamburg-Altona. Der RJ 870 kann aufgrund technischer Mängel die Fahrt nicht fortsetzen. Wir haben daher kurzfristig diesen ICE für Sie bereitgestellt, der Sie fast pünktlich ans Ziel bringen wird. Durch den kurzfristigen Wechsel sind die Reservierungsanzeigen nicht aktiv. Reisende der zweiten Klasse suchen sich bitte nur in der zweiten Klasse einen Platz, Reisende der ersten Klasse dort.
Wegen dieses kurzfristigen Wechsels ist leider auch unser Bordbistro nicht in Betrieb. Der ursprüngliche Zug wurde von Kollegen aus Tschechien betrieben. Das galt auch für das Bordbistro. Weder die Kollegen noch die Bestückung des Bistros stehen uns in unserem Zug zur Verfügung. Im Namen der Deutschen Bahn möchte ich mich für die Unannehmlichkeiten entschuldigen.“
Lieber pünktlich nach Hamburg ohne Bistro, als lange Wartezeit auf verspätete Züge oder gar ausgefallene Züge. Denn sonst heißt es im schlimmsten Fall:
Oh, oh Susie
Udo Jürgens: Susie, Dein Zug ist weg
Ich glaube, dein Zug ist weg
Oh, oh Susie
Das Warten hat keinen Zweck!
Sag wie bring‘ ich dich jetzt nach Haus?
Das Licht geht auch schon aus
Nachts hält kein Auto an
So weit fährt keine Straßenbahn!
Oh, oh
Oh, oh
Weg ist der letzte Zug!
Wenige Minuten nach dem Start fluten Dutzende Schülerinnen und Schüler im besten Teenageralter unseren bis dahin fast leeren 1. Klasse Wagen. Von wegen „geringe Auslastung.“
Ihr Lehrer setzt sich gemütlich auf einen Einzelplatz; seine Teenager verteilen sich auf die Sitze, egal, ob Statusplatz oder nicht. Niemand beschwert sich über die Jugendlichen, die sicherlich kein Erste-Klasse-Ticket haben. Ein Herr vor mir wechselt von seinem bis dahin nur von ihm belegten Status-Vierer-Platz auf einen Einzelsitz und bietet den Viererplatz den Schülern an. Ich weiß nicht, woher die Kids kommen; aber sie sind definitiv nicht von dieser Welt: sie unterhalten sich im Flüsterton, geben im Laufe der Fahrt älteren Reisenden Platz, helfen, Gepäck in die Gepäckfächer zu hieven etc. Alles ganz ohne besondere Ermahnung oder Aufforderung durch den Lehrer. Ich reibe mir die Augen! Vielleicht ist das aber auch nur der Dreh für einen neuen Imagefilm der Bahn.